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Volker PispersVorwort zur MIMUSE '95 von Volker Pispers:

Das politische Kabarett

Meine Damen und Herren, ich möchte Sie ermutigen, öfters ins politische Kabarett zu gehen. Sie wissen, im politischen Kabarett sind Sie stets von lauter engagierten Gesellschaftskritikern umgeben. Einige sind auch leiser engagiert. Manche auch geradezu engagiert leise. Aber im Engagement sind alle, denn wer heutzutage nirgendwo im Engagement ist, der kann sich die Gesellschaftskritik in Form einer Kabaretteintrittskarte kaum noch leisten. Zumindest nicht in den Tempeln der Kleinkunst. Da, wo das literarische Kabarett zelebriert wird. Wo man die knallharte Gesellschaftskritik in weichen Polstersesseln auffängt, und das im Halse steckengebliebene Lachen in der Pause mit Champagner runterspült. An solchen Orten läßt man sich die Kritik am eigenen Lebenswandel genauso folgenlos um die Ohren schlagen wie in der Kirche.

„Gehe hin verkaufe alles was du hast und gib es den Armen."

Ist doch eine herrliche Pointe! „Wer dir auf die linke Wange haut, dem halte auch die Rechte hin!" Selten so gelacht. Kabarett ist eine Art moderner Ablaßhandel. Das schlechte linke Gewissen aus dem Feuer springt, wenn das Geld in der Kleinkunstkasse klingt. Deshalb meine Damen und Herren: Heben Sie Ihre Kabaretteintrittskarten immer gut auf. Heben Sie sie auf. Wenn dann irgendwann einmal  nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus jemand zu Ihnen kommt und fragt: Na, was haben Sie denn in diesem System für eine Funktion gehabt? Na, na? Dann sagen Sie: Halt! Moment! Holen den großen Karton mit den Kabaretteintrittkarten raus und sagen: Hier, ich war dagegen. Hier ist der Beweis. Ich war im Widerstand. Ich habe laut und öffentlich gelacht, wenn meine Regierung verspottet wurde. Ich habe geklatscht, anhaltend geklatscht, wenn das System kritisiert und seine Unmenschlichkeit in lustigen Sketchen entlarvt wurde.

Ich habe auf offener Straße Kanzlerwitze erzählt! Was wollen sie von mir?

Ich war keine Blockflöte. Ich war eine Querflöte. Ich habe meinen Müll sortiert. Franz Alt gelesen und die Taz. Ok, abonniert  nicht gelesen. Ich habe mich freiwillig an Tempo 100 gehalten, zumindest in geschlossenen Ortschaften. Ich habe für vom Aussterben bedrohte Arten gespendet. Für Robben, Kurden, Grüne, Intellektuelle. Ich habe mir den Hintern mit Umweltschutzclopapier wundgescheuert, den Magen mit Nicaraguakaffee versaut.

Ich war doch dagegen! Ich habe auf Korsika „Ich bin ein Ausländer"TShirts getragen. Habe Boykottaufrufe für Mohrenküsse organisiert. Also, wenn einer dagegen war, dann ich. Ich war für Schwerter zu Pflugscharen, für Politiker zu Menschen.

Ich bin kein Täter, ich bin Opfer. Also, wenn schon, dann bin ich Opfer und Täter. Rotkäppchen und der Wolf. Links und SPD. Katholisch und Demokrat, Attentatsopfer und Rollstuhltäter. Ich bin doch auch nur ein Mensch!

Und genau da liegt das Problem. Wie steht es über den Menschen geschrieben? Wer zu spät geht, den bestraft die Natur.

Aber noch ist alles in Ordnung. Unser System ist stabil. Den meisten geht es so gut wie nie zuvor und für die ewigen Nörgler und Querulanten da bietet unser Gesellschaftssystem das Kabarett als geistigen Abenteuerspielplatz an. Bad Skt. Kleinkunst. Das Therapiezentrum für alle Unzufriedenen.

Alles nach dem Motto: Haben wir heute mal wieder gelacht. Mal wieder richtig schön gelacht, über die Blödheit der von uns gewählten Politiker. Hahaha. Und über die Kinderprostitution in Thailand. Herrlicher Sketch war das.

Deswegen geht man doch ins Kabarett. Um über sowas auch mal zu lachen. Stehen Sie dazu. Lachen ist gesund. Lachen ist die beste Medizin. Medizin die gut schmeckt hilft nicht. Das habe ich als Kind gelernt. Medizin muß bitter schmecken. Damit das Lachen schön bitter ist, muß das Kabarett geschmacklos sein. Damit es auch hilft. Als Breitbandantiidiotikum. Gut gegen alles. Also, es ist dann gut, wenn es gegen alles ist. Gegen alles und nichts. Eigentlich ist es gegen alles und für nichts. Es ist nichts für alle, aber es ist eh alles für nichts. Für nichts und wieder nichts.

Warum kommen die Leute heute noch ins Kabarett?

Der eine möchte seinen neuen Bosspullover ausführen. In der Kirche sieht einen ja niemand mehr. Der andere möchte seinen frischerworbenen Bronchialkatarrh mit dem herrlichen sibirischen Blutwürfelhusten mal vor Publikum vorführen. Wieder andere sagen sich wahrscheinlich: Samstag abend, nun ja Kultur muß hin und wieder sein, das ist wie Nägelschneiden. Wieder andere hat der Arzt hergeschickt, den neuen Schrittmacher testen. Und es gibt Leute, die gehen nur ins Kabarett, um das neue Bonbonpapier auszuprobieren.

Müssen Sie mal drauf achten. Auch im Kino oder Theater. Immer wenn es brenzlig wird und atemlose Spannung liegt über dem Saal, oder versucht über dem Saal zu liegen, dann erstickt das Publikum die Angstschreie mit Bonbons. „Wenn Hamlet grollt, nimm Rachengold!" Diesen Menschen verdanken wir den Begriff knisternde Spannung!

Aber die meisten kommen doch ins Kabarett, weil im Kabarett so herrlich gelästert wird. Wenn Henning Venske in einem der letzten Lach und Schießprogramme verkündet, daß Peter Gauweiler im Fernsehen immer wirkt wie ein Vertreter für Kinderpornos, dann haben sie im vollbesetzten Kongreßsaal in Düsseldorf herzhaftes Gelächter unter den Krawatten und Abendkleidern.

Und wenn sie im Kabarett erzählen, daß der Intelligenzquotient des Bundeskanzlers weit unter seiner Körpertemperatur liegt. Dann johlt das Volk, dann tobt der Saal und wählt den Kanzler noch einmal. Das ist ja das Geniale an der kapitalistischen Gesellschaft, daß man mit einer dümmlichen Parodie des Kanzlers mehr verdienen kann, als der Kanzler selbst. Auf die Frage: Kann man denn davon leben? müßten die meisten Kollegen heute antworten: Und wie!
Das Kabarett hat sich mit dem System abgefunden. Und das System hat sich mit dem Kabarett abgefunden. Genaugenommen hat das System das Kabarett abgefunden. Unsere Gesellschaft sperrt niemand ein, der anfängt zu meckern. Sie stopft ihm das Maul. Mit einem Scheck.

Wes Kaviar ich freß, des Kabarett ich mach.

Es gibt nur noch drei gute Gründe in der kapitalistischen Gesellschaft Kabarett zu machen: Geld, Geld und Geld.