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Udo PüschelUdo Püschel, der dieses Vorwort zum 15jährigen Jubiläum geschrieben hat, ist der Erfinder der MIMUSE.

Udo Püschel: 15 Jahre MIMUSE und die Folgen

In Langenhagen startete 1981 die erste MIMUSE, das Kleinkunstfestival. Wir hatten wenig Geld und viel Optimismus. Es sollte etwas ganz besonderes werden, das war klar. Wenn man in Langenhagen, in dieser speziellen geographischen Situation bestehen will, muß man einfach etwas besonderes machen.

Langenhagen, das ist eine 49.500 SeelenGemeinde mit internationalen Verkehrsanschlüssen und vielen Grünflächen, an der dann unmittelbar südlich die niedersächsische Landeshauptstadt dranhängt. Wenn man in Langenhagen etwas veranstaltet, dann muß es größer, besser, schöner sein, als Vergleichbares in Hannover, denn sonst wird man gar nicht wahrgenommen. Und so entschieden wir uns für Kabarett und Comedy, weil es das auch noch gar nicht gab in unserer Region, abgesehen vom Einzelkämpfer Dietrich Kittner.

Da wir also in einer Kleinkunstdiaspora lebten, mußten wir das Publikum erstmal missionieren. Schaut her, das gibt es und das ist toll, intelligent und witzig! Witzig?? Das ist schon falsch, ein Fehler, denn dann kann es nichts sein.

Für jeden richtigen Deutschen ist es doch ganz klar: Kunst ist es immer dann, wenn es nichts zu lachen gibt. Das hat bei uns bereits Tradition. Frankreich hat seinen klassischen Komödianten, den Molière, England seinen Shakespeare, der konnte gleich beides schreiben: Dramen und Komödien. Und Deutschland? Irgendein klassischer Komödienschreiber? Nichts!

Eine besondere Hanswurstiade unterstreicht die deutsche Humorlosigkeit. Im Jahre 1737 verbrannte die Neuberin, Prinzipalin einer bekanten Schauspielertruppe, auf dem Roßmarkt in Leipzig eine Hanswurstfigur. Mit dieser symbolischen Hinrichtung sollte die lustige Figur ein für allemal von der deutschen Bühne verschwinden. Zuvor hatte der Professor Gottsched, Herausgeber der moralischen Wochenzeitschrift „Die vernünftigen Tadlerinnen" und „Der Biedermann", die Ächtung der komischen Theaterfigur ausgerufen. Fortan sollte sie dem Ernst und der Sittlichkeit des deutschen Dramas nicht weiter gefährlich werden.

Allerdings ist der Komödiant in jedem Land traditioneller Bestandteil des Theaters. Bereits in der griechischen und römischen Antike war als Intermezzo in den Dramen der Mimos oder auch Mimus sehr beliebt. Das war eine Figur, die das ernste Spiel mit amüsanten Kommentaren versah und nebenbei Seitenhiebe auf Großkopfete austeilte. Mimus wurde denn auch, in Zusammenhang mit der Muse, der Namenspatron des Langenhagener Kleinkunstfestivals, der MIMUSE.

Nun mag mancher behaupten: Große Städte machen große Kunst, kleine Städte machen Kleinkunst. Wer dabei nur ins Portemonaie schaut, der übersieht einiges. Natürlich geht es immer ums Geld, aber ein wichtiger Aspekt ist immer noch, zu zeigen, daß Humor durchaus intelligent und phantasievoll sein kann. Der Humor blüht auf einem weiten Feld. Da wird mit dem Florett gefochten und mit dem Holzhammer zugeschlagen. Da kann man schmunzeln oder sich auf die Schenkel klopfen.

Feiner Humor ist dabei etwas, das mir schon immer imponiert hat; z.B. Künstler, die ihr Handwerk perfekt beherrschen, das Produkt dann aber mit einem gewissen Augenzwinkern präsentieren. Bei den Malern fällt mir als Beispiel Franz Hals ein, ein Zeitgenosse Rembrandts. Seine Gemälde sind wunderbar, die dargestellten Personen sind lebensecht und doch sind sie durch kleine Überzeichnungen köstlich karikiert.

Bei den Schriftstellern können wir in diesem Jahrhundert auch auf deutsche Experten verweisen: Tucholksy und Kästner werden immer gern genannt, wenn es um die Ehrenrettung des teutonischen Humors geht. Das sind große Vorbilder und Vorbilder kosten nichts. Mit großen Künstlern ist das anders.

So kamen wir dazu ein Konzept zu entwickeln, welches vorsah nur Künstler zu präsentieren, die erst in zwei Jahren „groß rauskommen". Dadurch wurde die MIMUSE zu einem Festival der Newcomer. Das sind nicht unbedingt Anfänger, oft sind die Künstler in ihrer Heimat bereits sehr erfolgreich, aber in unserer Region noch unbekannt und daher nicht zu sehen gewesen. Viele dieser „Unbekannten" waren in den vergangenen Jahren in Langenhagen zu Gast. Wer in unserer Region kannte 1981 schon Mathias Richling? Oder 1983 Gerhard Polt und die Biermösl Blosn, Richard Rogler oder Konrad Beikircher und Gerd Dudenhöffer? 1985 Erwin Grosche? 1986 Matthias Deutschmann? 1987 Nickelodeon? Letztere kannte natürlich keiner, denn schließlich war es deren Deutschlandpremiere. Noch viele Namen gehören eigentlich in diese Liste: Martin Buchholz, Hans Werner Olm, Thomas Freitag, Gardi Hutter, Georg Ringsgwandl, Sissy Perlinger, die Missfits usw. usw.

Erst im Rückblick zeigt sich, daß wir mit unserer Auswahl und der Prognose des kommenden Erfolgs richtig lagen. Darauf ist man als Veranstalter natürlich stolz und sieht man dann „seine MIMUSEKünstler" im Fernsehen, kann man lässig sagen: Hatten wir doch schon alles. Besonders erfreulich ist es aber, wenn die alten Kontakte bestehen bleiben und die Künstler auch später dem Langenhagener Theatersaal treu bleiben. So gibt es eben im Großraum Hannover nicht nur ein Festival, bei dem man neue Kabarettisten und Komödianten entdecken kann, es gibt auch in der laufenden Saison ein Programm, bei dem man liebe alte Bekannte wiedersieht.

Es ist zweifellos leichter, ein Festival nur mit den populären Stars zu machen. Die Medien sind auch bereit darüber zu berichten, denn dann wissen auch sie worum es geht, und die Fans kommen fast automatisch. Glücklicherweise gelang es uns über all die Jahre eine gleichbleibende Qualität zu halten. Das brachte uns bei den Besuchern ein großes Renommee, so daß bei der Programmgestaltung noch mehr Risikoveranstaltungen eingeplant werden konnten.

Figurentheater z.B. ist eine äußerst schwierige Sache. „Kinderkram" sei es, so ein weitverbreitetes Vorurteil. Trotzdem gelang es uns den Australier Neville Tranter auf unserem Festival zu einem Star zu machen. Mittlerweile füllt er fast den Theatersaal und Standing Ovations gehören bei seinen Shows zu Selbstverständlichkeiten.

Auch Stephan Blinn muß man in diesem Zusammenhang erwähnen, denn der kleine Schlittschuhläufer aus Blinns liebenswertem MarionettenVarieté wurde zu einem Publikumsliebling. Zwischen Stephan Blinns und Neville Tranters Art des Puppenspiels bestehen zwar einige Unterschiede, trotzdem kann man sich für beide begeistern.

Es ist immer noch schwierig Puppenspieler in einem ComedyFestival zu etablieren, obwohl es da doch eine große Tradition gibt. Denn im traditionellen, internationalen Figurentheater kann man sehr gut erkennen, wie volkstümlich die präsentierte komische Figur in allen Ländern ist. Überall ist oder war sie die Hauptperson, beliebt bei Kindern und Erwachsenen. In Deutschland ist es der Kasper, in England Mr. Punch, in Italien Pulcinella und in Rußland Petruschka.

Auch wenn man Europa verläßt ändert sich da nichts. Beim Schattenfigurentheater in der Türkei ist das Spiel nach der komischen und schlagfertigen Hauptperson benannt: Karagöz. Ein türkischer Kasper, der in Bursa lebte und beim Bau der Moschee des Sultan Orhan so sehr die anderen Bauarbeiter erheiterte, daß der Sultan um die Arbeitsmoral fürchtete.

Auch Indonesien hat ein Schattenfigurentheater, das Wayang Kulit (SchattenLeder) mit wunderschönen, kunstvollen Figuren. Gespielt werden immer noch Variationen der ältesten Geschichte der Menschheit, das RamayanaEpos. Dabei kämpfen die strahlenden Helden Wishnu, Krishna und Arjuna mit den guten Geistern gegen die bösen Dämonen. Lieblinge des Publikums sind aber vier skurrile Gestalten: Petruk, Semar, Gareng und Bagong, dickbäuchig, triefnäsig und deftig komisch. Ähnlich wie Mimus im antiken Theater kommentieren sie respeklos das phantastische Spektakel und das Publikum, welches bis dahin fast ehrfürchtig das Spiel verfolgt hat, lebt auf und kugelt sich vor Lachen. Humor scheint in allen Ländern der Sonnenschein für die Seele zu sein, ein Grundbedürfnis.

Ähnlich vielfältig wie das internationale Figurentheater ist inzwischen auch das Kabarett. Und das, obwohl es eher national als international ist. Es scheint eine Domäne der deutschsprachigen Länder zu sein. In England gibt es dafür die StandUpComedy, Leute, die sich auf die Bühne stellen und Witze, Gags, erzählen. Diese unpolitische Variante findet inzwischen auch in Deutschland viele Freunde. So kommt es, daß die KabarettSzene noch nie so schillernd war. Politik und Menschliches, Weltbewegendes und Banales, Nachdenkliches und Nonsens, das alles findet man inzwischen in der Schublade Kabarett und alles hat seinen festen Platz und seine Fans.

Da man in Langenhagen immer das ganze Spektrum zu sehen bekommt, kann es vorkommen, daß manch ein Besucher von einer für ihn neuen Variante überrascht wird. Die Kabarettschublade wächst beständig und auch Künstler wie Erwin Grosche, Ottfried Fischer, Hans Werner Olm oder Dirk Bielefeldt, dieser Herr Holm für alle, finden ihr Publikum.

Die Komödianten, Puppenspieler und vor allem die Kabarettisten beherrschen unser Kleinkunstfestival. Aber es ist kein Festival der kleinen Künste. Diese fast abfällig klingende Bezeichnung erweckt immer den Eindruck, daß das hier gezeigte nicht viel wert wäre. Dabei wollte der Name eigentlich aussagen, daß es hier etwas für Spezialisten gibt, vielleicht für Minderheiten, Kunst im kleinen Rahmen. In der Schweiz heißt es darum auch nicht „Kleinkunst" sondern „Kleintheater", womit deutlich gesagt ist, was hier klein ist.

Unser Kleintheater in Langenhagen heißt „daunstärs". Eine Kleinkunstkneipe mit viel Intimität, die sehr gut geeignet ist, neue Kabarettisten zu präsentieren. Aber die Maßstäbe verschieben sich. Das Interesse an diesen Darbietungen wird größer, die Inszenierungen werden aufwendiger. Die technischen Anforderungen für viele Comedy Aufführungen sprengen den kleinen Rahmen.

Das Kleinkunstfestival MIMUSE wird somit immer mehr zu einem Comedy-Festival. Aber eins ist gleich geblieben. Jedes Jahr gibt es neue Namen, unbekannte Künstler können entdeckt werden. Die MIMUSE ist und bleibt ein Podium für eine Szene, die in den Medien nur selten in Erscheinung tritt. Und wenn man heute überhaupt von „Kleinkunst" spricht, dann kann mit klein höchstens das Medieninteresse gemeint sein.

Unserem immer zahlreicher werdenden Publikum aus Langenhagen, Hannover und dem Umland möchten wir Dank sagen. Mit Ihrem Interesse haben Sie die MIMUSE groß gemacht, zum größten ComedyFestival Norddeutschlands. Bundesweit zählt es mit dem „United Slapstick" in Frankfurt, dem „Köln Comedy" und der „Leipziger Lachmesse" zu den renommiertesten Veranstaltungen dieser Art und wir, die Macher und Planer, werden uns bemühen, daß es so bleibt.

In Namen des Kulturamtes der Stadt Langenhagen und der Klangbüchse, eines gemeinnützigen Vereins, der stets die Helfer bei allen Veranstaltungen stellt, wünsche ich unserem Publikum viel Spaß bei der nächsten MIMUSE.