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Martin Buchholz Ein Text für Langenhagen von Martin Buchholz - geschrieben am 30.1.1991

Zum Teufel mit der Satire!

Man hat mich gebeten, hier quasi vorwörtlich tätig zu werden für dieses Programmheft (wobei man bei den meisten Programmen, besonders bei Parteien, nur ahnen kann, wer da das Heft in der Hand hat. Jetzt gerade sind Sie es.). Nun habe ich Programmatisches nicht auf Lager, eher schon Antigrammatisches. Satirisches also zum Thema Satire ist hier angedroht.
Ich warne Sie hiermit: Meine Gedanken sind so frei, daß sie es fortwährend trotz matter Proteste meinerseits mit mir treiben. Sie kuddelmuddeln frechfröhlich durcheinander. Sie assoziieren sich ungeniert miteinander. Sie koalieren und kopulieren auf Teufelkomm raus.

Und der Teufel kommt denn auch raus dabei. Und dabei geht es nun mal nicht manierlich zu. So lese ich es auch gelegentlich in Kritiken: „Das war nun wirklich unterhalb der Gürtellinie." Ja, ich gestehe, daß ich dieser Gürtellinie seit jeher die Linientreue konsequent verweigere.

Ich leite  auch wenn die Wortforscher sich da nicht einig sind  mich selbst als Satiriker schon urlange vom Satyr her. Habe also keinen germanichen UrSprung in der Schüssel, sondern einen griechischen. Sie wissen schon: dieser Satyr war ein panhellenischer uriger Typ wie eben auch der Kollege Pan selbst: halb Bock, halb Mensch, jedenfalls kein NullBock. Ein echter Nymphomane: dauernd war er hinter den Nymphen her. Ein bocksgeiler, lustiger, lustvoller und lüsterner Satansbraten.
Unser christlicher Teufel, ohne den der liebe Gott ja auch ganz schön blaß aussehen würde, ist denn auch diesem Urtyp nachgestaltet. Einer, der es faustdick hinter den Ohren hat, der ständig mit erigierter Phantasie herumstromert.

Ein Teufelskerl. Das erkannte nicht nur der derzeitige PillenPaule aus dem PetersCondom, sondern auch schon der erste Paulus, der den Beruf des Apostels ausüben mußte, weil er als Fleischermeister nichts taugte; er gab es den Korintern sogar schriftlich: „Ich weiß, daß in meinem Fleische nichts Gutes ist." Die abendländische Geisteskultur war dem Fleische stets abhold, und so ward der verteufelte Satyr die Inkarnation des eingefleischten Bösen. Deshalb meinen auch die wahrhaft GutMeinenden noch heute: Zum Teufel mit der Satire! Da haben sie zu Recht panische Angst.

Und ich geb's zu: Auch ich hab meist einen satierischen Bock auf mein Publikum. Ich treibe es gern mit den Leuten als kabarettistischer Lustmolch. Wenn ich da auf der Bühne als Sittenstrolch durch die menschlichen Sitten strolche, kann es schon passieren, daß ich den oder lieber noch jene unsittliche berühre, anstößig, denkanstößig zumeist.

Als Satyr war ich schon immer für die Wiedervereinigung: für die von Kopf und Bauch. Und die passiert lachend. Kopflistig und bauchlustig: das ist für mich Satire. Aber die meisten wollen's nur geistreich, also vergessen immer die Hälfte. Die haben sie nicht alle. Sind nie ganz da. Deshalb wird in der Vorschule des Kabaretts, also im KasperleTheater, stets als erstes die satirische Grundfrage gestellt: „Seid ihr alle da?" Bei Kindern kriegt man immer eine Antwort. Bei Erwachsenen erwachsen da Probleme. Die halten eine solche Anfrage in der Omme nicht aus.

Im Namen des omminösen Geistes wird entsprechend lieblos mit Satire umgegangen: Sie wird zumeist kastriert. Und sowas lass' ich ungern mit mir machen. In gewissen Punkten (frz. Pointen) bin ich eigen. EunuchenKabarett ist nicht meine Sache (es gibt davon eh genug: früher real existierend drüben, heute noch hüben öffentlichrechtlich und auch privat). Bei mir findet deshalb auch der fröhliche Kalauer sein Asyl. Der wird ja besonders gering geachtet. Er ist gewissermaßen der Prolet des Humors.

Wenn es nach einigen Kritikern ginge, hätte man als Satiriker eigentlich nur als körperloser Geist auf der Bühne zu gespenstern. Aber was mein Körper ist, der will meistens mit, wenn ich auf den Brettern erscheine, die die meisten ja vorm Kopp tragen (und die für mich  es sei nicht verschwiegen  auch das Geld bedeuten). Und da stehe ich  und kann auch anders.

Was nun meine Gürtellinie betrifft (wir sprechen hier ja glücklicherweise nicht von dem, was früher mal meine Taille war)  die Gürtellinie also scheint für Kritiker offenbar der Meridian des guten Geschmacks zu sein. Alles, was sich darunter befindet, ist „unter Niveau". Dieser Vorwurf trifft allerdings weniger mich als die Leute, die sich zu mir ins Theater hocken. Wenn ich auf der Bühne stehe, ist in erster GürtelLinie das Publikum im Parkett unterhalb der meinen. Also: Niveau? Iwo!

Doch nicht nur das. Unterhalb der Gürtellinie, so lese ich auch, wird es geschmacklos (also, ich hab da ganz andere GeschmacksErinnerungen; so bockig abgeschmackt ist nun mal ein Satyr). So teilen es geschmacksnervige Kritikaster mir und anderen mit: „Dieser Herr Buchholz schmeckt mir nicht!" Ein erlesener Stamm von Kannibalen: Als Feinschmecker wollen die einem nur das Hirn wegschlürfen, jiepern nur nach Geist und Esprit. Und da sollen sie gefälligst in anderen Hirnschalen löffeln. Bei mir nicht! Da wär ich hinterher tatsächlich geistlos.

Ich bin nun mal ein ganzer Narr, kein halber Narr, kein Semi-Narr. Und deshalb werde ich auch in Zukunft sowohl oberhalb als auch unterhalb der Gürtellinie stattfinden. Zweigeteilt niemals! Die HerrschaftsIdeologie des Oben und Unten soll Sache dieser Leckerschmecker bleiben.

Und jenen Igittologen sag ich's herzlich und hirnlich: Dialekt mich doch am satyrischen Teufelsarsch! Wär doch zur Abwechslung mal eine ganz interessante Geschmacks-Variante.