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Christof StählinDer Tübinger Kabarettist Christof Stählin machte sich 1987 für uns Gedanken

Kleinkunst

Wir kennen wohl alle noch jene weißgelb lackierten Küchenbuffets aus der Nachkriegszeit, deren Steingut- oder Glasschubfächer mit Aufschriften wie „Salz", „Zucker", „Mehl" geziert waren, dann aber auch mit selteneren Begriffen wie „Graupen" und schließlich mit so Exotischem wie „Sago", was bei uns in Süddeutschland unbekannt ist. Warm vertraut dagegen war der tatsächliche Inhalt des Sagofaches, nämlich Bleistiftstummel, Hansaplaströllchen, alte Briefmarken, Reißnägel und Gummiringe, ein Dorado für den forschenden kindlichen Geist und ein Sinnbild des Ordnungssinnes einerseits, andererseits aber auch der Schlamperei. Denn aufgeräumt war zwar die Küche, nicht aber das Sagofach, dem sie ihre Ordnung doch verdankte. Alles, was sonst keinen Platz im System hatte, also keinen eigenen Haushaltstitel, war nun unter „Sago" zusammengefaßt, es hätte auch „Varia" heißen können, „Sonstiges" oder eben „Kleinkunst". Dies ist nun keineswegs ein genauer, sondern vielmehr ein sammelnder Begriff für alles, was sonst stören würde, kunsthygienisch hocheffektiv niedlich gemacht und zusammengeschmissen zur Freude einer logisch ja eigentlich notwendigen Großkunst, ihrer Verwalter, Vermittler, Gagen- und Tantiemeempfänger.

Man redet aber von Großkunst ebensowenig wie man von Großasien redet, denn Asien hat's nicht nötig, sich von Kleinasien unterscheiden zu wollen, womit den Bewohnern Kleinasiens die Zugehörigkeit zur Kunst abgesprochen ist. Sei's drum. Hat nicht Kleinasien generöse Strände, gewaltige Hochflächen und uralte Traditionen so gut wie Asien? Ja, sagt man nicht dem Menschen nach, die Ursprünge seiner Kultur in Kleinasien zu haben, wenn nicht gar dort herzustammen? Nein, ein gewisses Verständnis von Kunst braucht die Kleinkunst, um Ernsthaftigkeit und Seriosität der Kunst besser herausstellen zu können, denn ein ernsthafter und seriöser Kleinkünstler, das walte die Ordnung im Sagofach, ist nicht auszudenken. Liebenswert und verspielt ist das Ambiente des Kleinen, und wo man hinkommt, kokeln Kerzen als Atmosphärespender in Aschenbechern auf den Tischen. Ich habe mich einmal geduscht hinter einer Kleinkunstbühne und hinterher das Handtuch vermißt. Da habe ich einfach ein paar rosa Servietten geklaut, die den Kleinkunstkerzen als Tropfschutz untergelegt waren, das ging auch. Erfinderisch und improvisationsfreudig sind wir schon, wir vom Völkchen der Kleinkunst, preiswert wegen Anspruchslosigkeit und immer rasch verfüg- und einsetzbar, Kritik im Lokalteil von der Uschi mit der Zwei im Besinnungsaufsatz. Juhu!

Quietschlebendig flattern wir vom ausgebauten Bunker über das Renaissanceschlößchen zur Kulturscheune und kriegen jeden Abend Applaus und Geld bar ins Ohr und auf die Hand, sonst können wir einpacken. Und wenn in Emsingen an der Benz wieder Kleinkunsttage sind, nix wie hin! Die Kleinasiaten müssen doch auch zu ihrem Sago kommen! Subventionen brauchen wir keine.